Das stolze Rajasthan – Maharaja Städte Jaipur und Jodhpur

Schlaftrunken standen wir in aller Herrgottsfrüh zwischen fliegenden Händlern und schlafenden Menschen, die hier zu wohnen scheinen, am Bahnsteig in Agra, um den 5 Uhr Zug nach Jaipur zu nehmen.

22.-27.08.2016 ::

Gar nicht so schlecht hier, oder?

Mit Erschrecken haben wir abends im Hotel feststellen müssen, dass der Unterschied zwischen der Executive Class (EC) von unserer ersten Fahrt, zur Second Class (Preis 1,50 Euro für 4,5 Std.), welche für den Zug nach Jaipur nur noch frei war, gigantisch ist und laut Seat61 für Ausländer auf langen Strecken nicht empfohlen wird. Selbst unsere ehemaligen indischen Nachbarn sagten uns im Nachhinein dass sie das niemals machen würden und fragten, was uns denn dazu geritten hätte.

Daher versuchten wir unser Glück und schmuggelten uns in die bessere und klimatisierte CC-Classe, wo sogar noch einige Sitze frei waren und wollten bei der Fahrkartenkontrolle einfach den Aufpreis zahlen – wird schon klappen. Um es kurz zu machen, wir haben bei dem Spiel die „Reise nach Jerusalem“ nach einigem Umsetzen verloren .

Somit ging es schweren Herzens auf unsere Plätze in der zweiten Klasse. Es war auf den ersten Blick gar nicht so schlecht. Links und rechts waren jeweils Sitzbänke für je 3 Personen. Es gab keine Türen und Fenster aber somit konnte es auch nicht stickig werden oder stinken und es waren nur etwas mehr als die Hälfte der Plätze belegt. Alles in allem wirkte es ausreichend für die anstehende Fahrt, außerdem wollten wir ja Indien erleben .

Los ging es, wobei eine Zugfahrt für uns in Indien schon am Abend vorher beginnt. Wir überlegen uns immer zweimal was und vor allem wo man isst, damit man ja keine unangenehmen Überraschungen erlebt und in der Bahn auf Toilette muss. Wer ungern in deutschen Zügen oder auf öffentliche Toiletten geht, sollte nicht mal in die Nähe einer indischen Zugtoilette kommen. Und ich spreche von der in der ersten Klasse! Wir stellten daher auch rechtzeitig das Trinken ein und nippten immer nur mal während der Fahrt um unsere Lippen zu benetzen.

Innenleben

Das Innere unseres Abteils erinnerte mich an Filme aus dem zweiten Weltkrieg, wenn deutsche Soldaten von A nach B reisten. Das mag zum einen daran liegen, dass die Lackierung, die mehrfach in den letzten Jahren provisorisch überstrichen wurde, dieses typische 30er Jahre Industriegrau hatte und dass die scheibenlosen Fenster nur mit einer Holzjalousie zugemacht und verriegelt werden konnten. Massive Gitterstäbe vor den Fenster rundeten zusammen mit den immer surrenden Ventilatoren, die in einer Dreierreihe versetzt den ganzen Flur entlang alle 1,5m von der Decke hingen das Bild ab.

Gruppenkuscheln

Wir richteten uns häuslich ein und genossen die Landschaft, die Dank Ende der Regenzeit sehr grün ist und von der Vegetation genauso hätte in Deutschland zwischen Frankfurt und Hannover sein können.

Jeder Halt in einem der Bahnhöfe kündigte sich mit dem metallischen Geruch des Abriebs der Bremsscheiben rechtzeitig an und das Landschaftsbild wechselte zu einfachen Häusern und für uns skurriles Leben an den Gleisen. Das, was man da alles zu sehen bekommt, kann man nicht in Worte fassen, das muss man gesehen haben. Menschen die aus ihrer „Haustür“ rausgehen und die Hosen herunterziehen um auf Toilette zu gehen oder duschen während die Züge vorbeifahren, Männer und Frauen die neben den Gleisen (und ich mein keine 2m entfernt) liegen und schlafen, Kühe die am Bahnsteig inmitten von Passagieren stehen und auf die Bahn warten und Schweine, die mit Schafen und Hunden in den großen Müllbergen nach etwas zu essen suchen.

Wir waren noch nicht richtig weit gekommen, als neben uns ein weiterer Zug in den Bahnhof einfuhr. Aus dem Wagon der zweiten Klasse hingen Menschen aus der Tür heraus nur um mitfahren zu können und auf einmal wurde mir der Sinn der Gitterstäbe an unseren Fenster klar. Während ich diesem Gedanken noch nachging und San auf den übervollen Nachbarzug aufmerksam machte, sprangen schon die ersten Menschen durch die offenen Türen in unseren noch fahrenden Zug, um schnell einen der letzten freien Sitzplätze zu ergattern. Als der Zug im Bahnhof stoppte, wechselte der Zustand von angenehm auf randvoll in wenigen Minuten. Das sollte sich dann bis zu unserer Ankunft in Jaipur auch nicht mehr ändern. Ich werde mich nie wieder über Bewegungs- oder Beinfreiheit in Billigflieger beschweren – ab jetzt war Gruppenkuscheln angesagt. Dicke Bäuche und Brüste wechselten sich beim Vorbeischieben in meinem Gesicht ab und zu meinen Füßen saß eine Mutter auf dem Boden wo ich noch nicht mal meine Tasche hingestellt hätte – so dreckig war es. Ihre kleine Tochter hatte sie bei einem Fremden auf dem Schoß in der Reihe vor uns platziert. Überhaupt muss man sagen, dass man beobachten konnte wie sich gegenseitig geholfen und unterstützt wurde.

Ich war nur heilfroh, dass wir uns schon wie ein Chamäleon angepasst haben und ich mich dazu entschieden habe mein bereits vom Tag zuvor durchgeschwitztes T-Shirt auf die Fahrt anzuziehen. Spätestens jetzt hat es sich die Wäsche verdient.

San nach Ankunft

Jaipur: Unsere britische Oase

Was für eine tolle Unterkunft hat San uns mit der Anuraag Villa wieder einmal herausgesucht. Das Haus liegt in einer sehr ruhigen Seitenstraße und wirkt mit seinem einladenden Garten wie eine britische und vor allem saubere Oase in der quirligen, dreckigen Stadt. Von hier aus starteten wir unsere Erkundungstour in den City Palast der Pink City, zum tollen Stoffbasar für den die Region bekannt ist zum eigentlichen Highlight der Region, dem Fort Amber (gesprochen Ämer).

„Auf nach Rajasthan! 

Der Bundesstaat Rajasthan hat mehr Geschichte als das übrige Indien zusammen:
Dies ist das Land der Könige, das sagenhafte Reich der Maharadschas mit ihren Forts und Palästen. Indien ist übersät mit Festungsruinen, nirgends findet man so prächtige Forts wie hier: Sie erheben sich aus der Wüstenlandschaft wie eine märchenhafte Fata Morgana einer vergangenen Ära.

Rajputen, wie die Einheimischen genannt werden, waren immer auf ihre Unabhängigkeit bedacht und sehr stolz auf ihr Land.

Während der britischen Kolonialzeit löste Konsum allerdings die Ritterlichkeit ab, so dass im frühen 20. Jh. viele Maharadschas ihre Zeit damit zubrachten,  mit ihrem Gefolge in der Welt umherzureisen, Polo zu spielen und ganze Stockwerke in teuren Hotels zu belegen. Die Briten unterstützten sie natürlich gern, aber die Verschwendungssucht der Maharadschas war wirtschaftlich und sozial verheerend. Als Indien unabhängig wurde, hatte Rajasthan die geringste Lebenserwartung und den niedrigsten Alphabetisierungs-grad auf dem ganzen Subkontinent.

Der Alphabetisierungsgrad hat 2011 67 % erreicht (Männer 81 %, Frauen 53 %) – das ist der drittniedrigste Wert in Indien. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist nirgendwo in Indien dermaßen stark ausgeprägt!

Auszug aus: "Lonely Planet Reiseführer Indien".

Goldenes Dreieck

Da Jaipur zusammen mit Agra und Delhi das sogenannte „Goldene Dreieck“ bildet, ist es ein begehrtes Reiseziel für Touristen und wird dementsprechend von vielen Tour- und Reiseanbietern wie z.B. G-Adventures angeboten. Die Strassenhändler haben sich längst darauf eingestellt und sprechen jeden Weißen auf deutsch, italienisch, spanisch oder französisch an, um mit ihm/ihr in Kontakt zu kommen und ihre Waren oder Dienstleistungen anzubieten. Leider passiert das z.T. jeden Meter und ein einfaches „Nein“ und Weitergehen reicht leider meistens nicht aus. Hat man es erstmal geschafft einen der Schatten loszuwerden, hat man den nächsten am Wickel. Somit gingen wir zur nächsten Stufe über: dem komplett ignorieren.

Der City Palast in der Innenstadt hat uns mit seinen vielen Innenhöfen im maurischen Stil und den toll verzierten Türen sehr gefallen. Auch die größten je aus Silber gefertigten Krüge werden mit ihrer mannshohen Größe in Erinnerung bleiben.

Zoomania!

Da Kühe in Indien heilig sind, werden sie sehr zur Trauer von San nicht gegessen, würden einige bestimmt ein gutes Stück Fleisch abgeben. Stattdessen stehen sie an Bahnsteigen zwischen den Fahrgästen, laufen herrenlos über die Straße oder sitzen bzw. stehen in der Mitte der Fahrbahn während TukTuks und Autos links und rechts nur wenige Zentimeter an ihnen vorbei fliegen, sofern es der Verkehr zulässt.

Schweine suchen mit Hunden gerne mal etwas im Müll oder suhlen sich in Straßenpfützen, Ziegen stehen vor den Häusern und knabbern an allem was nicht niet- und nagelfest ist, Kamele ziehen genau wie Ochsen alte Holzwagen hinter sich her, Affen springen auf Mauern und Dächern herum und entlausen sich, ein weißes Pferd ist mit einem Esel durch die Straßen von Agra spazieren gegangen und normalerweise laufen bei uns hier im Hotel Pfauen ein und aus – nein wir waren nicht im Zoo . Hier leben Mensch und Tier ohne Zäune miteinander.

Normale Straße in Indien.

Jodhpur: Uneinnehmbar

Nach der „Pink City“ Jaipur, sollte unser nächster Stopp Jodhpur sein. Die Stadt befindet sich am Fuße der Mehrangarh-Festung, die die Hauptattraktion der Stadt ist. Jodhpur ist aber auch wegen der Farbe seiner Häuser bekannt und wird häufig als „Blaue Stadt/Blue City“ bezeichnet. Traditionell kennzeichnete die Farbe Blau die Zugehörigkeit der Bewohner zur Kaste der Brahmanen, allerdings haben heute auch Nicht-Brahmanen diesen Brauch übernommen. Man sagt der Farbe nach, dass sie ein effektives Mittel zur Abwehr von Moskitos sei.
Wir fühlten uns in unserem Erker-Zimmer im Geeta Mahal Heritage Guest House inmitten der Altstadt auf anhieb pudelwohl und zogen gleich mal durch die vielen kleinen verwinkelten Gassen, die einen immer wieder woanders ausspuckten, als man eigentlich dachte bzw. wollte. Die Stadt war schon deutlich ruhiger, leiser und sauberer als unsere ersten Stationen Delhi, Agra und Jaipur.

Der Besitzer Gucci stattete uns noch schnell mit Wissenswertem und einer Stadtkarte aus und markierte uns sein Highlight „Step well“,  ein Stufenbrunnen gleich ums Eck,  welchen wir wahrscheinlich noch nicht mal beim Vorbeigehen gefunden hätten, denn er geht in den Boden und ist von der Strasse nicht sichtbar. In dem Brunnen kann man je nach Wasserstand mehr oder weniger Treppen sehen die versetzt angeordnet sind. Wir hatten gleich doppelt Glück, denn um einen war der Brunnen bis vor kurzem eher eine Müllhalde als ein Vorzeigeobjekt und zum anderem war der Wasserstand sehr niedrig und wir konnten somit viele Stufen sehen. Sichtlich verblüfft von der Schönheit aus dem Nichts verbrachten wir dort erst einmal etwas Zeit um das Bauwerk auf uns wirken zu lassen.

Am darauffolgenden Tag sollten wir zwischen fast ausschließlich indischen Besuchern die uneinnehmbare Mehrangarh-Festung (Baubeginn 1459) anschauen, in der u.a. Liz Hurley geheiratet hat. Dank des guten Audio-Guides, den es bei den 600 Rupiah (8 Euro) Eintritt inklusive gab, konnten wir in den beindruckenden Räumlichkeiten einen Eindruck vom Leben des Maharajas Jaswant Singh bekommen und etwas über die erfolglosen Versuche die Festung einzunehmen, erfahren.

Ab geht die Post

Zum Abschluss unseres 2,5 tägigen Aufenthalts in der blauen Stadt ging es zum Sonnenuntergang zu Flying Fox, dem Anbieter für Zipline-Adventure in Asien. Mit Ziplinen hatten wir bereits in Chiang Mai unseren Spaß und somit konnten wir es uns nicht nehmen lassen uns – mit Blick auf die historische Burg – an einem Seil über den zerklüfteten und mit Wasser gefüllten Burggraben schweben zu lassen.

Nicht nur wegen der Zipline ist Jodhpur schon jetzt eins unserer Indien-Highlights.
Die für indische Verhältnisse fast schon vorhandene „Gemütlichkeit“, hervorgerufen durch die verwinkelten Gassen mit den farbenfrohen Häuschen und guten Restaurants, hat es uns genauso angetan wie die herzlich lustige Art unseres Guesthouse-Besitzers Gucci und seiner Crew mit denen wir bei unseren Unterhaltungen u.a. über ihren Thailandtrip immer jede Menge zu lachen hatten.

Planung ist in Indien mehr als 50%

Was wir aus Südostasien bis jetzt nicht gewöhnt waren, ist das knappe Kontingent bei den Fortbewegungsmitteln. Züge bieten sich aufgrund des gut ausgebauten Streckennetzes und Preis/Leistungsverhältnisses an. Möchte man allerdings nicht in der untersten Klasse für 4-12 Std. landen oder nicht noch eine oder mehrere Nächte an einem Ort bleiben, wo man gerade ist, muss man sich als Individualreisender rechtzeitig (mind. 7 besser 10 Tage vorher) um die letzten verfügbaren Plätze kümmern. Und das auch jetzt, wo sogar Vorsaison ist! So haben wir unsere Zeit im Bundesstaat Rajasthan bis zu unserem Besuch bei unseren Freunden in Ahmedabad anhand von Zugtickets kurzfristig in Jaipur fixen müssen und nehmen uns daher die Flexibilität. 

Unsere spannende Reise durch dieses verrückte Land bringt uns zur Thar-Wüste und zu unserer letzten Station in Rajasthan, nach Udaipur.

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Wüsten-Safari und blaue Elefanten – Jaisalmer und Udaipur

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Incredible !ndia – Neu-Delhi und Agra (Taj Mahal)